Der Kelch 2

Sie hatte nicht lange gebraucht, um sich in der neuen Wohnung zu orientieren. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass der Mann alleine lebte, durchsuchte sie die Räume nach Bargeld und nach Informationen, die ihr von Nutzen sein könnten. Den Menschen mochten ihre Verstecke besonders originell erscheinen, aber Julika war schon oft genug umgezogen, um sie alle zu kennen. Der Mann, dessen Körper sie nun benutzte, bildete da keine Ausnahme. In einer leeren Teedose bewahrte er ein Bündel Geldscheine und eine zweite Kreditkarte auf. Sie steckte beides in das Portemonnaie.

Allzu lange würde sie nicht hierbleiben können. Der Mann hatte irgendeinen langweiligen Beruf, er hatte es ihr erzählt, bevor sie zu ihr gegangen waren, aber sie hatte nicht richtig zugehört. Fest stand nur, sie hatte nicht die Absicht, dort aufzutauchen. Und über kurz oder lang würde seine Abwesenheit jemandem auffallen.

Das Jucken an ihrem Kinn erinnerte sie daran, was sie schon seit der ersten Minute in dem neuen Körper hatte tun wollen. Sie ging ins Badezimmer und rasierte sich den Drei-Tage-Bart ab. Was für eine Wohltat. Anschließend rupfte sie das blöde Nasenhaar aus, was sie die ganze Zeit genervt hatte.

Nach einem Gang zum nächsten Zigarettenautomaten nahm sie sich ein Bier aus dem Kühlschrank, setzte sich auf den Balkon und rauchte. Ein leichter Hustenreiz zeigte ihr, dass der neue Körper keine Zigaretten gewöhnt war.

Sie merkte, dass es allmählich hell wurde, aber spürte noch keine Müdigkeit. Die neuen Möglichkeiten euphorisierten sie. Als es an der Tür klingelte, zuckte sie zusammen. Hatte sie irgendetwas übersehen? In der gesamten Wohnung hatte sie keine Hinweise auf eine Frau oder einen anderen Mitbewohner gefunden.

Julika schlich zur Tür und blickte durch den Spion. Auf der anderen Seite der Tür stand ihr alter Körper.

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