Der Kelch 4

Julika machte sich einen Kaffee und stellte stirnrunzelnd fest, dass im Kühlschrank nur Sojamilch stand. War ihr neuer Körper laktoseintolerant? Oder hatte Anton vegan gelebt? Das musste sie unbedingt noch herausfinden. Vor einigen Monaten hatte sie bereits eine böse Überraschung erlebt, weil der Körper, den sie sich ausgesucht hatte, gegen Nüsse allergisch war. Nichtsahnend hatte sie sich ein Stück Nuss-Nougat-Schokolade in den Mund gesteckt und wäre fast erstickt, weil ihr Hals innerhalb weniger Minuten zugeschwollen war. Dass eine Passantin den Notarzt gerufen hatte, rettete ihr das Leben, aber sie hatte einige unangenehme Fragen beantworten müssen. Seitdem achtete sie verstärkt darauf, welche Lebensmittel sie in den Wohnungen vorfand – und welche nicht.

Sie packte einige Kleidungsstücke und einen Kulturbeutel in Antons Rollkoffer. Er schien viel zu reisen, denn er besaß eine beachtliche Auswahl von Hartschalenkoffern in verschiedenen Grautönen, die sich nur geringfügig in Form und Größe unterschieden.

Auch seine Anzüge sahen alle ähnlich aus. Julika wählte ein Modell aus, das ihr lässig vorkam, und schlüpfte in Hose, Hemd und Sakko. Prüfend musterte sie sich in dem großen Spiegel, der an der Schlafzimmertür angebracht war, öffnete die beiden oberen Hemdknöpfe und schloss einen davon wieder. So müsste es gehen.

Gerade suchte sie im Badezimmer nach einem angenehmeren Herrenduft als dem, mit dem Anton sich gestern Abend so üppig eingenebelt hatte, als ein schabendes Geräusch an ihr Ohr drang. Es klang, als würde sich jemand an der Wohnungstür zu schaffen machen. Sie eilte zum Spion und sah, dass Christiane und zwei Männer in blauer Arbeitskleidung im Treppenhaus standen. Einer davon trug einen Werkzeugkasten.

Julika holte den gepackten Rollkoffer aus dem Schlafzimmer, kehrte zurück und öffnete die Tür.

“Kann ich Ihnen behilflich sein?” Sie bemühte sich, ihre Stimme so tief wie möglich klingen zu lassen.

Drei Augenpaare starrten sie an. Christiane fing sich als Erstes.

“Da bist du ja, Schatz!”, quietschte sie. Offensichtlich hatte sie ihre neue Stimme noch nicht so gut im Griff. “Ich dachte, mein Freund wäre auf Reisen, aber er hat wohl nur die Klingel nicht gehört”, fügte sie an die Männer vom Schlüsseldienst gewandt hinzu.

“Was reden Sie denn da? Ich kenne diese Frau nicht”, sagte Julika.

Die beiden Männer ließen ihre Blicke unsicher zwischen Antons und Christianes Körper hin- und herwandern.

Christiane zitterte. “Es ist meine Wohnung!”, schluchzte sie. “Und mein Körper!”

“Sie sind doch verrückt.” Kopfschüttelnd schob sich Julika an Christiane vorbei und ging zum Aufzug. Christiane packte sie am Arm, aber Antons Körper war stark. Es war für Julika ein Leichtes, sich aus ihrem Griff zu befreien.

Im Aufzug betrachtete sie sich zufrieden im Spiegel. Dann holte sie den Schlüsselbund hervor. Mal sehen, was ihr neues Auto konnte. Julika mochte Autos.

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