Der Kelch 5

Wenn sie ohnehin bald gehen würde, konnte sie eigentlich auch in der Wohnung rauchen. Genüsslich sog sie an der Zigarette und aschte ab und zu auf den Parkettboden, während sie mit einer Hand die Anzüge in Antons Kleiderschrank durchging und die Exemplare, die ihr annehmbar erschienen, aufs Bett warf. Sie war gerade dabei, alles in einen von Antons Koffern zu packen, als sie hörte, wie die Wohnungstür aufging.

“Lass uns in Ruhe über alles reden”, erklang Christianes Stimme. “Vielleicht können wir das irgendwie rückgängig machen? Indem wir nochmal… das wäre doch aufregend?”

Julika musste fast lachen, als sie hörte, wie Anton versuchte, seiner neuen Stimme einen verführerischen Klang zu geben.

Ach Anton. Du fickst bestimmt als Frau genauso schlecht wie als Mann, dachte sie. Sie hatte genug herumprobiert, um zu wissen, dass manchen Menschen jedes Gespür für ihre Sexualität fehlte, völlig gleichgültig, in welchem Körper sie sich gerade aufhielten. Und dass es an den Tagen nach dem Tausch noch häufig zu koordinativen Aussetzern kam, war nicht besonders hilfreich.

Wie aufs Stichwort stolperte Anton im Flur über Christianes Füße und fluchte. “Mir reicht’s! Mach das sofort wieder rückgängig, sonst kannst du was erleben!”

“Ach ja?” Julika trat aus dem Schlafzimmer in den Flur und baute sich vor Christianes Körper auf. Anton schien erst jetzt zu erfassen, dass er mit seinem Körper auch seine körperliche Überlegenheit eingebüßt hatte. Er wirkte verunsichert, straffte dann aber seine schmalen Schultern und zischte:
“Du hast dir den Falschen ausgesucht. Das wirst du noch bereuen.”

Julika schüttelte den Kopf. “Das bleibt jetzt so. Versuch, das Beste draus zu machen. Geh in Christianes Wohnung. Lern deinen neuen Körper kennen. Lies ein paar Bücher. Christiane hat viele interessante Bücher!”

Anton zog eine Pistole. Julika versuchte, ruhig zu bleiben, aber ihre Gedanken rasten. Wo hatte der Typ eine Waffe her? War die echt? Und würde er abdrücken? Die Hemmschwelle, den eigenen Körper zu erschießen, war vermutlich zu groß. Oder?

Julika wich zurück, stolperte über die Fußleiste und ging zu Boden.

“Ausziehen”, befahl Anton, die Waffe auf sie gerichtet.

“Das funktioniert doch nicht”, protestierte Julika, aber sie öffnete Gürtel und Hose. Ungeschickt bugsierte Anton Christianes Körper auf sie, die Waffe immer noch auf ihren Kopf gerichtet. “Na los, und jetzt mach, dass es aufhört!”

Julika tastete neben sich auf dem Boden herum.

Christianes Hände ließen die Waffe fallen und schlossen sich um ihren Hals. “Du sollst machen, dass es aufhört, hast du gehört?”

Atemnot. Schmerz. Schmerz war in jedem Körper anders, und Julika würde sich nie daran gewöhnen können, wie er nach ihr griff. Vor ihren Augen tanzten Sterne.

Mühsam erreichte sie mit den Fingerspitzen Antons Hantel, die neben ihr auf dem Fußboden lag, zog sie millimeterweise zu sich heran, umschloss die Stange schließlich mit der ganzen Hand und schlug sie beherzt auf Christianes Hinterkopf, zweimal, dreimal. Mit einem Stöhnen sank Anton in sich zusammen. Julika schubste Christianes Körper beiseite, steckte die Waffe ein, klappte den Koffer zu und ging.

Sie schloss die Tür und ließ alles, was passiert war, hinter sich. Wieder einmal.

Verfasse einen Kommentar