Der Kelch 6

Es hatte eine Weile gedauert, bis Julika Antons grauen Mercedes SLS in der Tiefgarage gefunden hatte. Da war es schon deutlich schneller gegangen, die Adresse von Greta Haffner herauszufinden, die als freie Journalistin offensichtlich von zu Hause aus arbeitete. Julika schaute auf Antons Rolex. Sie hatte sich schon gefragt, ob sie echt war. Vermutlich. Alleine diese Uhr sagte so viel über Anton aus. Anscheinend ging es ihm nicht nur darum, eine Luxus-Uhr zu tragen, sondern er wollte auch sichergehen, dass das jeder sofort an dem Schriftzug auf dem Zifferblatt erkennt. Sehr gut. Auf solche Typen stand Greta Haffner, zumindest für kürzere Bettgeschichten. Wie hatten die Menschen eigentlich in den Zeiten vor dem Internet etwas übereinander herausgefunden? Aber die Bilder auf ihrem Facebook-Profil von Greta Haffner sprachen Bücherregale über ihren Männergeschmack. Für diesen Körper konnte Julika sich also einen größeren Fassadenwechsel ersparen. Obwohl sie sich den mit dem Haufen Geldscheinen und der Kreditkarte problemlos hätte leisten können.

Es war kurz nach elf. Wenn Julika aufs Gaspedal drücken würde, würde sie rechtzeitig um eins in Hamburg sein. Dann saß Greta Haffner nämlich gewöhnlich bei ihrem Lieblingsitaliener Nino, der bei ihr um die Ecke einen Mittagstisch anbot. Es schien eine Art Treffpunkt für die Medienbranche zu sein, für den die Kollegen sogar aus den umliegenden Stadtteilen herangefahren kamen.

Julika verstaute im Kofferraum des Sportwagens Antons Koffer samt Pistole. Sie wusste nicht genau, warum sie diese überhaupt mitgenommen hatte. Eigentlich wollte sie schon immer mal mit einer Waffe schießen. Das stand definitiv auf ihrer To-Do-Liste, aber die war so lang und bisher war sie noch in keinem Körper gelandet, der ihr dieses Vorhaben besonders erleichtert hätte. Ob Anton einen Waffenschein hatte? Wie sah sowas aus, und musste man den bei sich führen? Offensichtlich hatte Anton leichten Zugang zu Waffen, so schnell, wie er selbst in Christianes Körper an eine Pistole herangekommen war. Was er wohl beruflich machte?

Das war jetzt alles nachrangig. Die Flügeltüren des Zweisitzers öffneten sich mit sanft pneumatischem Summen und Julika ließ sich in den Zweisitzer sinken.

 

Auf dem Weg musste sie an einer Autobahntankstelle nachtanken. Als sie das dazugehörige Geschäft betrat, sah sie an der Kasse hinter dem Tresen mit den Tabakwaren eine junge Frau, die gelangweilt mit ihren Haaren spielte. Die perfekte, Gelegenheit, um die Wirkung von Antons Körper auf Frauen zu testen.

Julika stellte sich vor den Tresen. Bevor jemand von beiden etwas sagte, sah sie der Frau etwas länger als üblich in die Augen und fesselte sie erfolgreich mit ihrem Blick. Ihr Gegenüber schien kurz wie gelähmt. Dann ließ Julika ihren Blick ganz kurz auf die Brüste der Frau schweifen, sah wieder nach oben und ließ Antons gesenkte Stimme ertönen: „Ich zahle einmal die Vier. Und dann hätte ich gerne Zigaretten.“

„Welche Marke?“ Die Bedienung hatte sich wieder gefangen.

„Welche kannst du mir denn empfehlen?“, fragte Julika.

„Öhm. Ich rauche diese hier“, kam die Antwort. „Die sind ohne Zusatzstoffe. Aber das muss jeder selbst wissen.“

„Okay, dann nehme ich die“, sagte Julika.

Kaum hatte die Bedienung die Schachtel auf den Tresen gelegt, sagte Julika: „Von dir bekomme ich sogar eine Stange.“

Julika nickte innerlich. Wieder war es ihr gelungen, die Frau, die sicherlich schon jeden Anmachspruch gehört und abgeschmettert hatte, aus der Fassung zu bringen. Der Körper schien brauchbar und mit der Pilotin im Kopfcockpit kam er vermutlich noch deutlich besser an als mit dem Originalbewohner. Stichwort Nasenhaar. Es war nicht das, was Julika gesagt oder getan hatte. Bereits mit dem ersten Blick hatte sie alles geklärt. Was folgte, war ein Heimspiel. Ein Heimspiel im fremden Körper.

Nachdem die Frau sich nach den Zigaretten gebückt und Julika dabei ihren ansehnlichen Hintern präsentiert hatte, zog Julika das Geldbündel aus der Tasche, blätterte ein paar Scheine hin und sagte: „Wenn du mal Bock auf eine Sause in Hamburg oder Hannover hast, sag Bescheid. Ich glaube, wir könnten ziemlichen Spaß zusammen haben.“

„Warum nicht.“ Die Antwort klang, als ob sie die Bedienung um eine Spende für die Caritas gebeten hätte, aber das war natürlich nur gespielt. Schließlich wollte die junge Frau nicht als Flittchen dastehen oder schon zu viel versprechen. Noch war das ja ein ganz harmloses Treffen zum unverfänglichen Spaß haben. Mhm. Ne, is klar.

„Wie erreiche ich dich denn?“, stellte Julika die alles entscheidende Frage.

Kurz brauste Julika wieder über die A7, eine Stange Zigaretten ohne Zusatzstoffe auf dem Beifahrersitz und daneben ein Streichholzbriefchen mit einer sorgfältig notierten Handynummer.

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