Der Kelch 7

Sie genoss die Fahrt und sang die Lieder im Radio mit. Dabei gelang es ihr, Antons Kehle ungeahnte Klänge zu entlocken. Zufrieden wippte sie mit seinem Kopf im Takt. In der Ferne sah sie die ersten Hafenkräne auftauchen.

Innerlich stellte sie sich bereits auf die Begegnung mit Greta Haffner ein. Nicht, dass Julika es nötig gehabt hätte, sich im Voraus Sätze zurechtzulegen – inzwischen hatte sie ihre Begabung, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen, so sehr perfektioniert, dass sie sich manchmal selbst daran erinnern musste, wer sie war, woher sie kam und was sie wollte. Aber sie genoss die angenehme innere Unruhe, die sie spürte, wenn sie sich die Situation vorstellte. Das zweite Gespräch mit einer Frau, seit sie Antons Körper benutzte. Nach der erfolgreichen Generalprobe mit der Frau von der Tankstelle war Julika zuversichtlich, dass alles nach Plan laufen würde. Ganz sicher konnte sie sich allerdings nie sein.

Die Musik im Radio verstummte, und stattdessen erklang eine Durchsage. “Im Zusammenhang mit mehreren Straftaten fahndet die Polizei nach einem 43-jährigen Mann aus Hannover. Er ist 1,86 Meter groß, dunkelhaarig, hat braune Augen und eine Narbe an der rechten Schläfe. Der Mann verwendete verschiedene Identitäten, zuletzt war er unter dem Namen Anton Wirth bekannt. Möglicherweise ist er bewaffnet. Hinweise richten Sie bitte an Ihre örtliche Polizeidienststelle.”

Julika merkte, dass sie während der gesamten Meldung die Luft angehalten hatte. Sie atmete tief durch. Und warf einen Blick in den Rückspiegel, obwohl sie eigentlich schon ganz genau wusste, was sie dort sehen würde: Eine helle Narbe an der rechten Schläfe.

Vielleicht wäre es klüger, sich erst einen anderen Körper zu suchen? Leider wusste sie aus Erfahrung, dass das am hellichten Tag nicht ganz so einfach war. Und Eile war bei der Auswahl selten ein guter Ratgeber. Einmal hatte sie es nicht erwarten können, aus einem Körper herauszukommen, in dem sie plötzlich an stark juckendem Hautausschlag gelitten hatte. Im Nachhinein wünschte sie sich, sie hätte die Geduld aufgebracht, zum Arzt zu gehen. Denn natürlich waren nur ganz bestimmte Leute daran interessiert, spontan über eine fremde Person mit nässenden Quaddeln im Gesicht herzufallen, und so war der nächste Körper nicht unbedingt besser gewesen. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie es wieder geschafft hatte, einen Körper zu finden, der ihre Ansprüche erfüllte.

Greta Haffner schien ihr eigentlich keine typische Radiohörerin zu sein. Es passte jedenfalls nicht zu dem Bild, was sie sich von ihr gemacht hatte. Hörten nicht ohnehin die meisten Menschen nur nebenbei Radio, ohne auf den Inhalt zu achten? Außerdem konnte sie Antons Haar auf der linken Seite scheiteln, dann würde die Narbe wahrscheinlich niemandem auffallen.

Julika fuhr aus dem Tunnel hinaus in die Mittagssonne, warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass sie genau zur richtigen Zeit bei dem italienischen Restaurant eintreffen würde. Das Spiel konnte beginnen.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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