Der Kelch 9

Es dauerte einen Augenblick, bis Julika sich gesammelt hatte. Dann merkte sie, dass ihr kaum etwas Besseres hätte passieren können.

“Hey, sorry”, sagte sie. “Aber ein bisschen besser aufpassen hättest du schon können.”

Greta Haffner hatte Antons Körper längst abgecheckt. Noch war Julika unklar, was sie von ihm hielt.

“Wer reinkommt, hat recht”, sagte Greta Haffner.

“Was ist das denn für eine komische Regel?”, fragte Julika. Sie spürte, dass sie jetzt nicht zu schlau werden durfte. Greta Haffner wollte eher einfach gestrickte Typen, die sie kontrollieren konnte. Also musste sie ihr die Oberhand lassen.

“Aber wenn du meinst. Ich bin A…”, wäre es Julika beinahe herausgerutscht. “Angelo”, rettet sie gerade noch so. “Darf ich dir zur Wiedergutmachung einen Kaffee ausgeben?”

“Ich wollte mir hier nur kurz mein Mittagessen schießen”, antwortete Greta Haffner, aber anstatt sich an Julika vorbeizuschieben, blieb sie etwas länger als notwendig stehen.

“Irgendwo musst du das doch essen”, meinte Julika.

Julika sah es in Greta Haffner rattern. Ganz offensichtlich hatte sie gerade keine Zeit. Aber wenn sie jetzt nachdachte, war eigentlich schon alles klar. Zumindest hatte sie ernsthaftes Interesse. Aber was war jetzt besser? Abwarten? Weiter nachbohren? Oder zurückweichen und sie kommen lassen? Manchmal war es einfach Glückssache.

“Lass mich wenigstens dein Essen bezahlen, Schnucki”, sagte Julika. Das kam ihr machomäßig genug vor, um Greta Haffner das Gefühl zu geben, sie könne so einen Typen um den Finger wickeln.

“Ist ja nichts passiert”, meinte die Journalistin. Sie ging an ‘Angelo’ vorbei und steuerte auf die Kasse zu. Verdammt.

Julika hatte weder eine Handynummer bereit, noch ein brauchbare Karte oder irgendwas. Sie könnte morgen noch mal wiederkommen. Würde ja nicht groß auffallen. Aber wer weiß, was die Polizei bis dahin für Maßnahmen ergriffen haben würde? Und Julika war kein großer Fan von warten.

“Hey”, sagte Julika und stellte sich etwas zu dicht neben Greta Haffner, die von der Bedienung bereits eine weiße Tüte mit einem Plastikteller über den Kassentisch gereicht bekam. “Du wohnst doch bestimmt hier um die Ecke.” Sie zeigte auf Tüte. “Sonst würden die hier für dich nicht diese Extrawurst braten. “Ich hab eine Flasche Wein und hab auch nicht so viel Zeit. Los, komm. Zeig mir deine Wohnung. Nur kurz.”

Greta Haffner musterte Antons Gesicht und legte den Kopf schräg.

“Wer reinkommt, hat recht”, sagte Julika als letzten Versuch, auch wenn sie nicht sicher war, ob es irgendeinen Sinn ergab.

Ohne die Miene zu verziehen, wandte sich Greta Haffner zum Gehen, nicht ohne vorher mit dem Kopf auffordernd in Richtung Ausgang zu deuten.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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