Der Kelch 11

Julika kämpfte kurz gegen den Impuls an, Greta eben doch zu fesseln, aber dann ihre Festplatte zu löschen oder die Journalistin einfach zu entführen und dann … Vielleicht war es nur Antons Körper, der ihr das gerade einflüsterte, aber Julika musste sich eingestehen, dass sie schon öfter vergleichbare Gedanken gehabt hatte, auch als sie auch in Körpern von weniger zweifelhaften Personen unterwegs war. Sie hatte aufgehört, ihre Wirtskörper zu zählen, aber es mochten vielleicht so um die zwanzig sein. Vielleicht auch fünfundzwanzig. Und je länger sie in anderen unterwegs war, desto öfter hatte sie seltsame Anfälle von Verwirrung. Wer war sie, wenn sie doch auch genauso gut, jemand anderes sein konnte? Sie hatte das Gefühl, sie sei schon wieder eine Ewigkeit in Antons Körper. Mit Schrecken wurde ihr bewusst, dass es erst ein paar Stunden her war, seitdem sie mit Christiane geschlafen hatte. Verdammt, seitdem sie mit Anton geschlafen hatte! Heute Morgen war sie ja selbst noch Christiane gewesen. Und trotzdem hatte sie schon wieder das Bedürfnis, zu wechseln. Nicht, weil sich Antons Körper unangenehm anfühlte. Im Gegenteil. Es war toll, so viel Energie zu haben und auch die Reflexe und die Geschmeidigkeit der Gelenke fühlten sich ganz wunderbar an. Anton war wie sein Sportwagen. Kraftvoll, wendig und leicht. Und die Optik war auch nicht außer Acht zu lassen. Aber das war es ja gerade. Sie hatte Angst, sich zu sehr an ihn zu gewöhnen. Sie wollte etwas Neues. Als ob sie nach etwas suchte. Oder lief sie vor etwas davon? Aber was oder wovor? Die Abstände zwischen den Körperwechseln waren immer kürzer geworden. Aber so schnell hatte sie noch nie dieses seltsam saugende Gefühl gehabt, das sie einerseits in dieser Haut festhielt und gleichzeitig an ihr zerrte, und die Begierde in ihr weckte, einfach über die nächstbeste Person herzufallen, mit ihr zu verschmelzen und zu dem anderen zu werden. Es kam ihr vor wie eine Sucht. Sie war ein Körpertauschjunkie. Aber sie konnte nichts dagegen tun. Sie musste weitermachen. In ihren eigenen Körper konnte sie nicht mehr zurück.

Sie atmete tief durch. Natürlich würde es nichts nützen, Greta gegenüber gewalttätig zu werden. Nicht auf diese Weise. Wenn sie Greta dabei am Leben ließ, hätte die Journalisten nur umso mehr Anlass, ihre Geschichte vom Body-Swap-Syndrom weiterzuverfolgen. Und wenn sie Greta umbringen würde, würde ihr im schlimmsten Fall die Polizei auf die Spur kommen. Ihr. Julika. Und nicht irgendeiner Person, in dessen Körper sie gerade steckte. Hatte sie gerade tatsächlich in Erwägung gezogen, einen Menschen zu töten? Verdammt! Solche Gedanken waren aber auch so verführerisch, wenn man für sein Verhalten nicht die Konsequenzen trug, sondern ein anderer. Aber selbst wenn Anton ein Mörder war: Julika war es mit Sicherheit nicht. Ich bin Julika. Ich bin Julika, sagte sich Julika in Antons Kopf. Mit Schrecken wurde ihr bewusst, dass sie den Klang ihrer eigenen Stimme jedoch bereits vergessen hatte.

„Schade, Schnuckilein“, sagte Greta und stand auf.

„Wo sind denn deine Handschellen?“, fragte Julika.

Greta grinste. Kurz darauf war sie mit beiden Händen an einen der beiden Bettpfosten gefesselt, der bereits einige ältere Schabespuren von der Handschellenkette aufwies. Den Schlüssel hielt sie fest in einer ihrer rechten Faust. Darauf hatte Julika bestanden.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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