Der Kelch 14

Julika konzentrierte sich. Sie durfte jetzt nicht die Kontrolle verlieren. Was kontrollierte sie jetzt überhaupt? Sie spürte in Gretas Körper hinein. Ihre Handgelenke taten trotz des Plüschbesatzes der Handschellen weh, aber der Schmerz war nicht unangenehm. Sie spürte die angenehme Erschöpfung und abklingende Erregung und die Durchblutung vom Sex und den kühlenden Schweiß. Und da war auch irgendwo etwas Fremdes in diesem Körper, in dem sie selbst die Fremde war. Greta. Sie schien noch diffus, verwirrt. Julika hatte das Überraschungsmoment auf ihrer Seite, aber bald würde sich die eigentliche Besitzerin des Körpers sicherlich sammeln und dann würde sie bestimmt in ihrem Körper die Oberhand bekommen. Julika sah auf ihre Hände. Auf Gretas Hände. Die Augen, die konnte sie bewegen. Auch den Kopf. Körperteil für Körperteil bemächtigte sie sich mit purer Willenskraft des gesamten Körpers.

Die Kette zwischen den Handschellen schien relativ robust und etwas länger. Sie hatte da mal einen Trick im Fernsehen gesehen, wie man Fahrradschlösser mit dem abgebrochenen Fahrradständer knackte. Das war die Lösung. Sie ballte die beiden Hände zur Faust, sodass die Handschellen an ihren Handgelenken zusammenstießen. Dann drehte sie Gretas nackten Körper um die eigene Achse. Die Kette verdrehte sich. Sie war lang genug. Sehr gut. Sie wiederholte die Prozedur. Und noch mal. Dabei stieß sie immer wieder gegen Antons Körper, der leblos neben ihr im Bett lag.

Sie spürte, dass die Kette bald nachgeben würde. Diese war jetzt an dem Bettpfosten zusammengeknäuelt und würde vermutlich bei der nächsten Drehung … Gretas Kopf zuckte. Dann das rechte Bein.

Nein! Noch nicht, dachte Julika.

“Ich”, hörte sie wieder. Jetzt noch klarer und noch deutlicher als vorhin.

“Nein”, dachte Julika. “Nein!”, so laut sie konnte.

Sie kämpfte mit Greta. Sie fühlte sie. Sie musste sich mit aller Macht konzentrieren, um nicht Greta zu spüren, sondern sich selbst.

“Julika”, dachte sie. “Ich. Bin. Julika!”

Sie warf Gretas Körper noch einmal um sich herum, die Kette knirschte ein letztes Mal – und sie war frei.

Nein. Sie war nicht frei. Sie war gefangen in einem Körper, gemeinsam mit jemand anderem. Sie musste hier raus. Sie kniete sich neben Antons Körper, versuchte, festzustellen, ob er noch atmete. Alles raste, drehte sich. Greta drängte sich immer wieder und immer stärker in ihr Bewusstsein, bohrte sich in ihren Willen, ihr eigentliches Sein. Was war mit Antons Puls? Egal. Sie gab ihm eine Ohrfeige.

“Lass mich rein!”, schrie Gretas Stimme.

Sie riss die Fäuste hoch und ließ sie direkt auf die Mitte von Antons Brustkorb niedersausen.

Antons Körper riss die Augen auf und sog geräuschvoll die Luft ein.

Gleichzeitig spürte Julika, wie es an ihr saugte und zog. Sie wurde leichter. Erleichtert. Sie hatte das Gefühl, zu schweben. Sie wartete darauf, wieder den Blick auf Gretas Körper zu werfen, mit den Augen von Anton. Stattdessen sah sie seinen verwirrten Blick, der sich orientierungslos im Raum umsah und dann schließlich auf ihr kleben blieb. Eine endlose Weile.

“Es ist also wahr”, sagte Antons Körper schließlich. “Alles.”

Julika sprang aus dem Bett auf, torkelte nach vorne, stieß sich den Kopf am Wäscheschrank und hielt sich gerade noch daran fest. Sie blickte sich um. Greta schien noch Schwierigkeiten mit der Koordination zu haben. Das war ihre Chance. Denn Gretas Körper war Antons ansonsten hoffnungslos unterlegen. Das hatte sie erst vor wenigen Minuten am eigenen Leib gespürt. Oder besser gesagt an Antons Leib.

Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen.

Julika sah sich im Raum um. Den Gedanken, sich im Kleiderschrank zu verstecken, verwarf sie sofort. Wieso auch?

“Du hast dein Essen vor der Tür stehen lassen”, tönte eine Männerstimme durch den Wohnungsflur. “Wo bleibst du eigentlich? Ist dir was …”

In der Tür erschien ein Bulle von einem Mann. Er war größer als Anton und voll bepackt mit Muskeln, die sich selbst unter dem Jackett noch abzeichneten. Dafür wirkte er nicht so wendig und geschmeidig wie ihr ehemaliger Wirtskörper.

“Was ist hier denn los?”, fragte er.

Er warf einen strafenden Blick auf Julika, die sich hastig ein paar von Gretas Kleidungsstücke geschnappt hatte und sich hektisch anzog. Ehe Julika etwas sagen konnte, hatte der Riese schon mit ein paar Schritten das Zimmer durchquert und sich Antons Bein gepackt. Scheinbar mühelos hatte er dessen nackten Körper aus dem Bett gezerrt und über den Parkettboden geschleift. Es ging ihm dabei anscheinend nicht darum, Anton zu ernsthaft zu verletzen, sondern er wollte ihn offensichtlich nur demütigen. Greta versuchte sich zu wehren, aber selbst Anton hätte in dieser Situation wenig mit seinem Körper machen können außer herumzuzappeln.

Julika streifte sich gerade Gretas Oberteil über, aber musste beim Augenblick dieser Machtdemonstration innehalten. Irgendetwas machte das mit Gretas Körper. Der Fleischberg hatte Anton inzwischen durch den Flur und bis vor die Tür geschleift. Sie hörte Rumpeln und Antons Stimme gefolgt von einem klatschenden Geräusch.

Julika zog sie sich weiter an, um so schnell wie möglich von hier verschwinden zu können. Da kam der Fremde schon wieder zurück in Gretas Schlafzimmer.

Er sah sie drohend an. “Wir sind noch nicht fertig”, sagte er ruhig.

Dann griff er nach Antons Klamotten und verschwand wieder im Flur. Julika hörte, wie die Stimme ihres Retters durchs Treppenhaus hallte: “Wenn die Tür wieder aufgeht, bist du weg.”

Die Tür schloss sich. Julika wartete darauf, dass der Mann zurück zu ihr in Gretas Schlafzimmer kam, aber das geschah nicht. Stattdessen ging er in ein anderes Zimmer der Wohnung, in der Julika sich kein bisschen auskannte.

Während sie Gretas letzten Kleidungsstücke anlegte, versuchte sie, ihre Gedanken zu sortieren. War das Problem jetzt gelöst? Eigentlich hatte sie ja alles erreicht, was sie wollte. Greta war außer Gefecht gesetzt und steckte jetzt in Antons Körper fest. Die hatte jetzt andere Probleme, als die Recherche zu ihrem Body-Swap-Syndrom. Dazu kam, dass sie im Körper eines gesuchten Verbrechers steckte, der zudem von seinem ursprünglichen Besitzer gesucht wurde. Trotzdem war Julika etwas mulmig. Irgendetwas war bei diesem Wechsel so dermaßen schief gelaufen, dass sie sich nicht sicher war, welche Konsequenzen das gehabt hatte. Aber zumindest hatte sie das Gefühl, dass sie für eine Weile in Sicherheit und aus dem Schneider war. Das Problem, das sich noch zusammen mit ihr in Gretas Wohnung befand, würde sie sicher relativ schnell lösen. Aber eins stand fest. Mit Sex würde sie es nicht versuchen. Denn zu einem Körperwechsel würden sie in der nächsten Zeit keine zehn Bodybuilder bringen.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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