Der Kelch 15

Julika schlich in den Flur. Auf der rechten Seite konnte sie durch eine halbgeöffnete Tür Gretas Arbeitszimmer erkennen. Ihr Laptop und ein Notizbuch befanden sich auf dem Schreibtisch. Sie hielt den Atem an und ging auf Zehenspitzen in das Zimmer hinein. Ganz langsam klappte sie den Laptop zu und steckte ihn zusammen mit dem Notizbuch in eine Umhängetasche, die neben dem Schreibtisch stand. Das schabende Geräusch, das entstand, als das Gerät in die Tasche glitt, erschien ihr unerträglich laut.

Gretas Herz schlug ihr bis zum Hals. Julika versuchte, ruhig zu atmen, obwohl sie immer noch ziemlich aus der Fassung war. Sie musste irgendwie aus dieser Wohnung herauskommen, ohne, dass der betrogene Liebhaber es merkte. In der Seitentasche von Gretas Blazer spürte sie zwar ihr Handy, aber wenn sie jetzt die Polizei anrief, würde der Mann sie bestimmt hören. Die anderen Türen waren nur angelehnt gewesen.

In Zeitlupe bewegte sie sich zurück in den Flur. Jetzt nur nicht stolpern. Sie konzentrierte sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen und abzurollen und hoffte, dass der neue, ungewohnte Körper ihr keinen Strich durch die Rechnung machen würde. Die wenigen Meter bis zur Wohnungstür kamen ihr unerträglich lang vor. Behutsam drückte sie die Türklinke herunter und zog. Nichts passierte. Die Tür war abgeschlossen. Hinter ihr erklang ein Räuspern.

Der Mann stand im Flur und schenkte ihr ein Lächeln, das mehr aus Zähnen als aus Freundlichkeit bestand.

“Wo willst du denn hin?”, fragte er.

“Raus”, sagte Julika. Gretas Stimme kam ihr ungewohnt dünn vor.

Die Ohrfeige schien aus dem Nichts zu kommen.

“Du kleine Schlampe! Wir haben hier erst was zu klären.”

Julika spürte, wie Gretas Wange brannte. Aber auch, wie ihre Brustwarzen hart wurden. Ach herrje. Gretas Körper stand offensichtlich immer noch auf den Scheiß.

Der Mann legte eine Hand an ihre Kehle.

“Hast du das gemacht, weil du bestraft werden willst?”

In Gretas Körper tobte ein stummer Kampf. Er wollte auf der Stelle zerschmelzen, an der Tür herunterfließen und vergehen. Aber Julika wehrte sich. “Ich bin Julika”, wiederholte sie in Gretas Kopf. “Ich bin Julika.”

“Ich gehe jetzt. Und ich mag es nicht, wenn du mich so anfasst. Ich habe das immer nur dir zuliebe mitgemacht.”

Etwas im Gesicht des Mannes erlosch. Er ließ die Hand sinken und wich getroffen zurück. Julika riss die Tür auf, knallte sie hinter sich zu und rannte die Treppe herunter.

Nach etwa dreihundert Metern war Gretas Körper an der Grenze seiner Belastbarkeit angelangt. Julika bog in eine Seitenstraße ab, stützte sich mit den Händen an den Knien ab und atmete schwer. Das war der unsportlichste Körper, in dem sie jemals gesteckt hatte. Eine Zumutung. Vor ihren Augen tanzten Sterne.

Gretas Handy vibrierte. Julika holte es hervor und las den Namen auf dem Display. Robert Lautenschläger. Wenn sie sich richtig erinnerte, arbeitete er für eine Zeitschrift, bei der häufig Artikel von Greta erschienen waren.

Sie räusperte sich und nahm den Anruf an.

“Haffner?”

“Mensch, Greta, ich bin es. Sag mal, du bist doch noch an dieser Body-Swap-Sache dran, oder?”

Und wie ich das bin, dachte Julika.

“Ja, aber allmählich habe ich den Eindruck, dass dabei nichts herauskommen wird. Ich finde einfach keine belastbaren Quellen. Das muss wohl doch was Psychisches sein.”

“Aber das Interview letzte Woche lief doch so gut? Du klangst so begeistert… Wolltest du mir nicht noch erzählen, was dabei herausgekommen ist?”

“Hallo? Hallo? Krschkschkschschsch, die Verbindung ist ganz schlecht!”, sagte Julika. Dann legte sie auf.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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