Der Kelch 16

Zumindest das war fürs Erste geklärt. Sie könnte jetzt noch nachsetzen und eine Theorie entwickeln, die plausibler war als die Wahrheit und diese dann Robert anbieten. Sie hatte sich auch schon was Entsprechendes zurechtgelegt. Vielleicht sollte sie das gleich als Nächstes tun.

Sie spürte, dass Gretas Körper Hunger hatte. Verdammt, hätte sie nur das Essen mitgenommen. Sie würde sich einfach irgendwo reinsetzen und beim überfälligen Mittag die Revision für das Body-Swap-Syndrom schreiben. Vielleicht würde sie einfach irgendwelche Quellen erfinden. Heutzutage prüfte das kaum noch jemand.

Sie wollte gerade nach einem nahegelegenen Ort nachsehen, wo sie etwas zu essen bekam, als das Handy erneut vibrierte.

“Kai.”

Kein Nachname. Bestimmt der Bodybuilder. Sie drückte ihn weg. Während sie weiter nach einem passenden Lokal für sich suchte, kam auch schon eine Textnachricht. Kai. Es war der jetzt wohl Ex-Freund von Greta. Er wollte anscheinend das alles nicht auf sich beruhen lassen. Offensichtlich hing er sehr an Greta. Fast schön süß, dachte Julika. Sie überlegte, ob sie noch mal ausdrücklich mit ihm Schluss machen sollte und ihn auffordern sollte, Gretas Wohnung zu räumen, oder ob sie einfach gar nicht reagieren sollte.

Sie tippte die ersten Worte ein, überlegte dann, die Entscheidung auf später zu verschieben, als sie jemand am Arm packte.

Anton. Greta.

Gegen diesen Griff hatte sie keine Chance. Wieder spürte sie, wie Gretas Körper auf Antons reagierte. Verdammt, das nervte. Einerseits wollte sie einfach nur, dass er verschwindet und andererseits …

Antons Stimme klang bedrohlich. “Das war ein Fehler.” Wieder diese ambivalente Reaktion von Gretas Körper. Weg hier. Nimm mich. Beides doll. Anstrengend.

“Lassen Sie mich in Ruhe!”, piepste sie mit Gretas Stimme. “Hilfe, ich werde angegriffen!”

Sie sah sich um. In der Seitenstraße war niemand. Auf der anderen Seite der größeren Straße sah jemand kurz herüber, aber richtete den Blick sofort wieder konzentriert auf den Bürgersteig.

“Hilfe!”

Antons Arm schloss sich noch fester um ihren Oberarm. “Lass das.” Schmerzen. Erregung. Angst.

Julika senkte die Stimme. “Okay, lass uns das in Ruhe klären.”

Sie blickte aus dem Augenwinkel auf das Handy und rief Kai an, während sie Greta weiter ablenkte. “Ich bin mir sicher, dass wir da eine Lösung finden? Was willst du genau?”

“Das kannst du dir wohl denken, du … was bist du überhaupt? Ein Mann oder eine Frau?”

“Welche Rolle spielt das denn?” Als Julika sah, dass Kai abgehoben hatte, sagte sie wieder etwas lauter: “Aua! Lass mich los, du tust mir weh! Wir können doch über alles reden!” Sie hoffte sehr, dass Gretas Gorilla verstanden hatte und sie finden würde. Irgendwie musste sie mit Greta zusammen zurück auf den Bürgersteig, sodass Kai sie sehen würde, wenn er aus Gretas Haustür kommen würde.

Zu ihrer Überraschung lockerte Greta den Griff. Das war erleichternd. Und irgendwie schade.

“Tut mir leid”, sagte Greta. “Ich wollte dir nicht wehtun. Also mir.” Sie schien verwirrt. Wie sich das wohl gerade für sie anfühlte?

“Das gibt bestimmt einen blauen Fleck!”, maulte Julika. Greta ließ sie vollständig los.

“Okay, wie wär’s mit einem Waffenstillstand”, lenkte Julika ein. “Wir setzen uns irgendwo rein. Dein Körper hat Hunger. Du hast übrigens einen tollen Körper. Und ich will ihn auf jeden Fall gut behandeln. Und dann besprechen wir alles.”

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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