Der Kelch 18

Kai drehte sich langsam um und sah Julika vorwurfsvoll an. “Was soll das? Erst vögelst du mit diesem Typen, dann läufst du weg und jetzt soll ich dich beschützen?”

Ja, das kommt so ungefähr hin, dachte Julika. Sie sah herunter auf Gretas zittrige Beine und ihre dünnen Stöckerarme. Wer in so einem Körper lebte, brauchte einen Beschützer wie Kai. Zumindest, so lange da draußen eine aufgebrachte Journalistin im Körper eines Verbrechers und der besagte Verbrecher im Körper einer unschuldigen Schönheit herumrannten.

Julika schlug die Augen nieder und linste unter Gretas langen Wimpern hervor. “Bitte verzeih mir… ich weiß nicht, was ich sagen soll… ich hatte solche Angst!”

“Wer ist der Typ? Woher kennst du ihn?”

“Ich kenne den nicht”, beteuerte Julika. “Er tauchte im Treppenhaus auf, als ich gerade mit meinem Essen von Nino kam, und behauptete, er sei ein neuer Nachbar.”

“Und da dachtest du: Toll, ein neuer Nachbar, mit dem treibe ich es besser mal?”, fragte Kai anklagend.

“Nein, ich schwöre dir, so war es nicht. Ich wollte das alles nicht. Ich glaube, das ist der Mann, den die Polizei sucht, er hat diese Narbe an der Schläfe. Das habe ich aber erst gemerkt, als er in der Wohnung war. Was hätte ich denn tun sollen?”

Julika quetschte ein paar Tränen aus Gretas Augen und bemerkte, dass Kais Blick weich wurde. Er kaufte ihr die Geschichte nicht hundertprozentig ab, so dumm war selbst er nicht, aber er wollte ihr gerne glauben, das spürte sie. Armer, anhänglicher, dummer Mann.

“Und warum hast du behauptet, du magst unsere Spielchen nicht? Und bist weggelaufen?”

“Ich war total durcheinander … das wäre doch jeder, nach dem, was mir passiert ist”, schluchzte Julika. Kai nahm sie in die Arme und streichelte mit seinen Pranken ihren Rücken.

Erstaunt bemerkte Julika, dass sie die Umarmung genoss. Sie war ja auch wirklich durcheinander. Das verstörende Gefühl, zu zweit in einem Körper zu stecken, würde sie so schnell nicht vergessen. Es hatte sie zutiefst verunsichert.

“Komm”, sagte Kai. “Wir gehen nach Hause. Und dann nimmst du erstmal ein heißes Bad und isst was Ordentliches, und danach begleite ich dich zur Polizei und du machst eine Aussage über den Typen.”

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

Verfasse einen Kommentar