Der Kelch 19

Julika lag träge in der Wanne und genoss die Schwerelosigkeit. Eigentlich hatte sie gar keine Lust gehabt, ein Bad zu nehmen, aber Kai schien es von ihr zu erwarten. Wahrscheinlich badete Greta gerne. Ihrem Körper behagte die Wärme jedenfalls. Kein Wunder, dachte Julika. Ein so zierliches und unsportliches Geschöpf wie Greta hatte wahrscheinlich Schwierigkeiten, aus eigener Kraft eine konstante Körpertemperatur aufrecht zu erhalten.

Von außen hatte Gretas Körper Julika gefallen, aber jetzt, wo sie sich selbst in ihm aufhielt, fühlte sie sich schwach und ausgeliefert. Und was noch viel schwerer wog, sie empfand sich zum ersten Mal als Eindringling. Das hatte sie bisher noch nicht erlebt. Konnte das daran liegen, dass sie sich gemeinsam mit Greta in ihrem Körper befunden und ihre Gegenwehr gespürt hatte?

Entschuldigend streichelte Julika ihre neuen Brüste. Es gab praktischere Körper als diesen hier, aber sie würde das Beste aus der Situation machen. Und dazu gehörte auch, dass sie endlich etwas essen musste.

Als sie aus der Badewanne kam, hatte Kai bereits alle Spuren von Antons Anwesenheit beseitigt, das inzwischen sicher kalt und matschig gewordene italienische Essen entsorgt und eine Gemüsepfanne gebrutzelt. Julika schaufelte gierig alles in sich hinein. Erst, als Kai sie erstaunt ansah, fiel ihr auf, dass Greta wahrscheinlich eher langsam und mäkelig gegessen hatte, und sie versuchte, sich etwas zu mäßigen. Das war aber auch kompliziert. Bisher hatte keiner der Körper, die Julika bewohnt hatte, einen festen Partner gehabt – nicht, weil sie gezielt darauf geachtet hatte, sondern weil es sich so ergeben hatte. Nun musste sie es irgendwie schaffen, dass ihr Verhalten mit Gretas Gewohnheiten konsistent erschien. Oder sollte sie Kai einweihen? Sie blickte in Kais treudoofe Augen, mit denen er Greta besorgt und voller Liebe musterte. Nein, wahrscheinlich war es keine so gute Idee, zu ihm zu sagen: “Hey, ich bin Julika! Ich habe deine Freundin aus ihrem Körper rausgevögelt und wohne jetzt hier. Hoffentlich kommen wir gut miteinander aus!”

Julika seufzte. Kai legte ihr eine Hand auf die Schulter.

“Du bist ja immer noch ganz durch den Wind”, sagte er. “Ich hab eine gute Idee. Wir fahren ans Meer. Die Ferienwohnung ist gerade frei.”

“Aber…”

“Die Polizei können wir von unterwegs aus anrufen. Oder wir gehen hin, wenn wir wieder zurück sind. Das ist alles zu viel für dich gerade. Es wird dir gut tun, endlich mal wieder rauszukommen.”

Julika hasste es, wenn jemand glaubte, ihr sagen zu können, was gut für sie sei, aber sie vermutete, dass Greta da anders tickte. Und außerdem: Vielleicht war es wirklich keine schlechte Idee, für ein paar Tage von der Bildfläche zu verschwinden. Seit sie in dieser Stadt war, lief nichts nach Plan.

“Ja, warum nicht?”, antwortete sie.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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