Der Kelch 21

Das Erste, an das sie sich erinnerte, waren Schmerzen. Später erfuhr sie, dass sie so viel Metamizol im Blut hatte, dass sie eigentlich gar nichts hätte spüren dürfen. Aber es waren auch keine körperlichen Schmerzen. Es fühlte sich eher so an, als wäre ihr gesamter Körper zu eng geworden. Und dann stieg auch zum ersten Mal dieses quälende Fernweh in ihr auf. Oder war es Heimweh? Letztlich war es dasselbe. Es nagte und zog an ihr. Und was sie auch tat, sie war das Gefühl seit ihrem Unfall nicht wieder losgeworden.

Bald stellte sie allerdings fest, dass dieses Gefühl ihr geringstes Problem darstellte. Auch die zertrümmerte Kniescheibe, die beiden gebrochenen Rippen, das lädierte Jochbein und die unzähligen weiteren Blessuren, so unangenehm sie auch waren, waren nicht das eigentliche Problem. Selbst die Tatsache, dass Sascha den Unfall nicht überlebt hatte, war für sie nicht das Schlimmste. Ihr eigentliches Problem war, dass sie sich nicht mehr erinnerte. Weder an Sascha, noch an irgendetwas anderes, was vor dem Erwachen im Krankenhaus geschehen war. Selbst ihre Mutter kam ihr vor wie eine Fremde. Und auch alle anderen. Auch sie selbst.

Nachdem sie drei Wochen später das Krankenhaus verlassen hatte, ohne dass ihr Gedächtnis zurückgekehrt war, nach Monaten voller Therapiesitzungen, ärztlichen Behandlungen, Gesprächen mit angeblichen Freunden, die sich rührend um sie zu kümmern versuchten und eigenständiger Recherche im Internet und der Uni-Bibliothek sah sie keine andere Lösung, als aufzugeben. Fürs Erste. Zumindest mal loszulassen. Und genau in dem Augenblick lernte sie Marcel kennen. Auf einer Party, die ihre beste Freundin Lisa für sie geschmissen hatte, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Und Marcel brachte sie auf andere Gedanken. Irgendwie war es ungewohnt gewesen, nach so langer Zeit wieder einen Mann zu küssen und einen männlichen Körper an und in ihrem zu spüren. Aber es tat gut.
Und dann war es passiert.
Und dann nochmal.
Und dann konnte sie nicht mehr aufhören. Anfangs hatte es ihr wenigstens für eine kurze Zeitspanne Linderung verschafft, in einen neuen Körper zu gleiten, doch in letzter Zeit hatte sie gemerkt, dass das Gefühl in immer kürzeren Abständen wieder auftauchte. Sie war die ganze Zeit davongelaufen und hatte das Gefühl, vor dem sie floh, doch immer mitgenommen. Und das Erlebnis mit Greta hatte ihr allzu deutlich vor Augen geführt, welches Risiko ein Wechsel bedeutete.

Was war nur schiefgelaufen? Was stimmte nicht mit ihr? Als sie mit Greta geschlafen hatte, waren plötzlich diffuse Erinnerungen in ihr aufgestiegen. Mehr Gefühle als Worte. Das passierte sonst nur sehr selten. Aber bevor sie auch nur ansatzweise einordnen oder benennen konnte, was das war, hatten die Verwirrung und die Angst, die der missglückte Wechsel auslöste, alles überschattet. Doch im Nachhinein fragte sie sich, was das für ein Gefühl gewesen sein konnte. Und ob es etwas damit zu tun haben konnte, dass der Körpertausch dieses Mal so fürchterlich schiefgegangen war.

Sie sah den davonfahrenden Autos nach und dachte an all die Menschen, die in den Autos saßen und ein Ziel vor Augen hatten. Die meisten fuhren um diese Uhrzeit wahrscheinlich nach Hause. Zum ersten Mal, seit Julika angefangen hatte, in anderen zu leben, wünschte sie sich, auch nach Hause zu kommen. Einen Körper zu finden, in dem sie aufhören konnte, sich wegzusehnen. Es musste gar kein besonders starker oder schöner Körper sein. Wahrscheinlich genügte es, wenn er sich irgendwie vertraut anfühlte.

Aber wie musste ein Körper beschaffen sein, um sich für sie vertraut anzufühlen? Die Monate zwischen ihrem Unfall und ihrem ersten Körpertausch waren von der Trauer um Sascha und dem Schock über den Gedächtnisverlust überschattet gewesen, sie hatte wirklich Wichtigeres zu tun gehabt, als sich mit ihrem Körper zu beschäftigen. Und die zahlreichen Wechsel hatten dazu beigetragen, dass sie den Bezug zu ihrem ursprünglichen Körper inzwischen völlig verloren hatte.

Und nun stand sie hier, in einem fremden Körper, in einem fremden Leben, und fühlte sich müde wie noch nie. Allmählich stieg in ihr die Erkenntnis auf, dass sie nicht länger davonlaufen konnte. Und ihr wurde klar, wovor sie eigentlich die ganze Zeit weggerannt war. Um einen Körper zu finden, der sich richtig anfühlte, musste sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Sie musste sich erinnern.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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