Der Kelch 22

Kapitel 9

“Lass mich doch lieber wieder fahren”, bat Kai. “Du fährst ja wie der letzte Henker!”

Dass Julika nach dem Zwischenstopp plötzlich darum gebeten hatte, ans Steuer zu dürfen, hatte er erstaunt hingenommen. Als sie an der nächsten Abfahrt von der Autobahn heruntergefahren war und verkündet hatte, sie wolle nicht mehr an die Ostsee, hatte er das zwar bedauert, aber nicht versucht, sie umzustimmen. Und sogar die Tatsache, dass sie an einer Tankstelle angehalten hatte, um sich Zigaretten zu kaufen, hatte bei ihm nur schwachen Protest ausgelöst. Aber dass sie nun aufs Gas trat und den Wagen endlich mal richtig ausfuhr, schien ihn zu überfordern.

“Ich mag das aber gerade”, sagte Julika. “Das bringt mich auf andere Gedanken!”

Sehnsüchtig dachte sie an Antons Sportwagen und fragte sich, ob der wohl immer noch vor dem italienischen Restaurant stand, ob Greta clever genug gewesen war, ihn sich rechtzeitig zu schnappen, oder ob er inzwischen abgeschleppt worden war. Wenn Letzteres der Fall war, würde die Polizei sicherlich den Halter des Fahrzeugs ermitteln und feststellen, dass es sich um den gesuchten Anton Wirth handelte. Der sich offensichtlich in Hamburg aufhielt. Und dann konnte Greta sich auf zusätzliche Komplikationen gefasst machen …

“Du fährst viel zu schnell!” Kais Stimme riss Julika aus ihren Gedanken. Sie drosselte das Tempo etwas, aber offensichtlich nicht genug, um Kai zufrieden zu stellen.

“Fahr mal rechts ran”, befahl er ihr.

“Nee, jetzt bin ich mal dran”, sagte Julika.

“Du bist doch sonst nicht so wild aufs Autofahren.”

“Heute bin ich’s aber. Ist das ein Problem?”

“Du fährst jetzt sofort rechts ran.” Kais Stimme klang schneidend.

Julika spürte, wie Gretas Körper auf den Befehl und auf die Stimmlage, in der er vorgebracht wurde, reagierte. Obwohl sie persönlich Kai überhaupt nicht attraktiv fand, stieg Erregung in ihr auf. Es war doch immer wieder faszinierend, wozu Körper fähig waren.

Das Ziehen in Gretas Unterleib verstärkte sich. Außerdem wurde es Julika langsam etwas zu warm. Sie öffnete das Fenster einen Spalt breit. Der Fahrtwind riss an Gretas Haaren. Die Landschaft raste vorbei. Und auf einmal wurde Julika von einer rätselhaften Angst gepackt. Ohne, dass sie hätte sagen können, wovor sie sich eigentlich fürchtete, breitete sich Panik in ihr aus. Gretas empfindlicher Körper reagierte sofort mit Herzrasen, verkrampften Muskeln und schwitzigen Händen auf Julikas veränderte Stimmung.

Schwer atmend brachte Julika das Auto auf dem Seitenstreifen zum Stehen.

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