Der Kelch 24

Julika suchte nach einer plausiblen Antwort, aber sie fand keine. Es war ihr selbst ein Rätsel, wie sie so starke Angst verspüren konnte, ohne zu wissen, wovor. Und doch hatte sie die körperlichen Symptome am eigenen Leib – oder besser gesagt: an Gretas Leib – gespürt. Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr schon einmal etwas Ähnliches widerfahren war. Nun, wo sie auf dem Boden neben dem Auto kauerte und die kühle Abendluft an ihr vorbeistrich, beruhigte sie sich etwas.

“Ich hatte wohl eine Panikattacke”, flüsterte sie.

“Sowas hattest du doch sonst nicht?!”, sagte Kai.

Das war eine interessante Information. Julika hatte ein wenig gehofft, dass die Angst etwas rein Körperliches wäre, was sie von Greta übernommen haben könnte. Aber wenn so etwas bisher nicht vorgekommen war, gab es nur eine mögliche Erklärung. Sie, Julika, hatte Angst. Irgendetwas musste diese Angst ausgelöst haben. In Gedanken ging sie zurück zur Autobahnbrücke und dann zur Fahrt hierher und versuchte, sich ihre Eindrücke in Erinnerung zu rufen. Irgendetwas war da, aber sie konnte es nicht greifen.

“Ist wohl alles ein bisschen viel für dich im Moment”, sagte Kai. “Vielleicht musst du mal zum Arzt und dich gründlich durchchecken lassen. Ans Steuer lasse ich dich jedenfalls erstmal nicht mehr…”

 

Schweigend fuhren sie durch die Dämmerung. Nach ein paar Minuten schaltete Kai das Radio ein. Um sich abzulenken, sang Julika ein paar Takte lang mit und erfreute sich am Klang von Gretas heller Stimme. Sie dachte daran, wie sie zu Beginn dieses Tages noch mit Antons Stimme gesungen hatte. Und fragte sich wieder einmal, wie es Greta wohl in der Zwischenzeit ergangen war. Als ihr auffiel, dass Kai sie wieder einmal irritiert anblickte, verstummte sie. Vorsichtig legte sie ihre linke Hand auf Kais Hand, die auf dem Schalthebel lag. Einfach nur, weil es ihr wie etwas erschien, das Greta getan haben könnte. Sie bemerkte aber, wie dabei etwas von der Ruhe, die Kai ausstrahlte, auf sie abfärbte.

Ihre Augenlider wurden schwer und sie nickte immer wieder kurz ein. Bis zum zweiten Mal an diesem Tag eine Stimme aus dem Radio in ihr Bewusstsein drang:

“… weist Einiges darauf hin, dass der Gesuchte sich in Hamburg aufhält. Ein Fahrzeug, das auf den Mann zugelassen war, wurde in Hamburg-Winterhude abgeschleppt. Die Polizei ruft weiterhin zu erhöhter Vorsicht auf. Möglicherweise ist er bewaffnet. Hinweise richten Sie bitte an Ihre örtliche Polizeidienststelle.”
Zur selben Zeit saß in Hannover eine Frau in einer Küche, presste eine Kühlkompresse an ihren Kopf und starrte ins Leere. Dann stand sie auf, schaltete das Radio aus und verließ den Raum.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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