Der Kelch 25

Kapitel 12

Als Julika am nächsten Morgen in Gretas Körper, Wohnung und Leben erwachte, musste sie zuerst einen Moment innehalten und den gestrigen Tag Revue passieren lassen. Es waren einfach zu viele Dinge in zu kurzer Zeit geschehen, und dass sie sich auf einige dieser Ereignisse selbst keinen Reim machen konnte, erleichterte ihr die Orientierung nicht unbedingt.

Dann erinnerte sie sich an den Entschluss, den sie auf der Autobahnbrücke gefällt hatte: Sie wollte Saschas Oma Hannelore einen Besuch abstatten. Vielleicht würde die erneute Begegnung mit der einzigen vertrauten Person aus der Vergangenheit ihre diffusen Gefühle und Erinnerungen irgendwie greifbarer machen. Vielleicht konnte sie die alte Dame sogar mit einem Vorwand dazu bringen, ihr etwas zu erzählen, was ihrem Gedächtnis auf die Sprünge half.

Kai brachte ihr ein Tablett mit French Toast, Kaffee und Orangensaft an Gretas Bett. Er schien sich bestens in der Wohnung auszukennen. Außerdem war er frisch rasiert und trug ein anderes Hemd als am Vortag. Offensichtlich bewahrte er einen Teil seiner Sachen hier auf. Interessant, dass Greta auf ihrem Facebook-Profil trotzdem den Anschein erweckt hatte, Single zu sein. Dies, und die Tatsache, dass Greta sich so bereitwillig auf das Techtelmechtel mit ihr oder vielmehr mit “Angelo” eingelassen hatte, ließen Julika vermuten, dass da draußen womöglich noch mehr Kais herumliefen. Sie machte sich im Geiste eine Notiz, Männern aus Gretas Umfeld möglichst abwartend und vieldeutig zu begegnen. Es war nicht auszuschließen, dass sich unter ihnen ein weiterer Liebhaber befand. Wenn Julika sich so einem Mann gegenüber unwissentlich allzu zugeknöpft verhielte, würde ihn das wahrscheinlich verärgern, und noch mehr Ärger konnte sie in ihrer momentanen Situation wirklich nicht gebrauchen.

Kai saß auf der Bettkante und sah ihr beim Essen zu. Musste der eigentlich nie arbeiten? Was machte er überhaupt? Sie musterte ihn verstohlen. Konnte jemand, der solche Muskeln hatte, außer Bankdrücken und Proteinshakes trinken überhaupt noch irgendetwas anderes machen?

“Und sonst so…?” Sie ließ die Frage im Raum hängen, in der Hoffnung, dass Kai anbiss und ihr irgendetwas mitteilte, was sie noch nicht wusste.

“Hm?” Er sah sie irritiert an.

“Was machst du heute?”

Kais Gesicht hellte sich auf. “Ich hab frei, wir könnten was zusammen machen?”

Julika wischte sich den Milchbart von Gretas Oberlippe, schob das Tablett weg und stand auf.

“Nee, ich hab keine Zeit. Muss eine alte Frau interviewen. Für ein Zeitzeugenprojekt.”

“Klingt ja öde. Soll ich dich hinfahren und wir essen ein Eis, wenn du fertig bist? Wolltest du nicht auch noch ein neues Kleid kaufen für die Party heute Abend?”

Party? Ach herrje. Was war noch schlimmer als ein fremder Mensch, der von ihr erwartete, dass sie über Dinge Bescheid wusste, von denen sie keine Ahnung hatte? Viele fremde Menschen …

“Du, für sowas habe ich im Moment echt keinen Kopf, ich muss viel arbeiten und fühle mich total kaputt. Lass uns heute lieber zu Hause bleiben und einen gemütlichen Abend zu zweit machen.”

Kai sah sie entgeistert an. “Das wird wohl kaum möglich sein. Die Party ist hier! Du hast doch alle eingeladen!”

Ach herrje. Julika nahm sich fest vor, Gretas Terminkalender in einem ruhigen Moment mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Das hätte sie schon längst tun sollen – eine Erkenntnis, die ihr in dieser Situation leider auch nicht weiterhalf.

“Was ist nur los mit dir, Greta? Ich erkenne dich gar nicht mehr wieder. Du bist ja wie ausgewechselt!”

Kapitel 13

Wenig später saß Julika in der U-Bahn und grübelte, ob sie die Party für heute Abend noch absagen konnte. Aber dafür hätte sie erstmal wissen müssen, wen sie überhaupt alles eingeladen hatte. Es half nichts, sie musste die Sache durchziehen. Vielleicht konnte sie sich betrinken und unangebrachtes Verhalten hinterher auf die Wirkung des Alkohols schieben. Aber damit würde sie sich später auseinandersetzen. Jetzt galt es erst einmal, Hannelore zu treffen.

Sie stieg in Langenhorn aus der Bahn und ging über den Marktplatz. An einer Sitzgruppe standen mehrere Männer, die trotz der frühen Uhrzeit bereits Bierflaschen in der Hand hielten. Einer von ihnen pfiff und winkte. “Komm mal rüber, Püppi, lass dich mal anfassen!”

“Arsch”, sagte Julika in freundlichem Tonfall und ließ die Gruppe hinter sich. Die Männer johlten und lachten.

Hannelore wohnte in einem der kleinen denkmalgeschützten Doppelhäuser in der Gartenstadtsiedlung. Als Julika an Hannelores Tür klingelte, ließ die Aufregung Gretas Herz wieder einmal schneller schlagen. Julika war gespannt. Es war eigenartig, wie vertraut und gleichzeitig entrückt ihr die Umgebung erschien. Sie ließ ihren Blick gerade über die vielen getöpferten Figuren und Schalen im Garten schweifen, da öffnete sich die Haustür.

Als sie in Hannelores freundliches, runzliges Gesicht sah, musste sie sich selbst zur Ordnung rufen und daran erinnern, dass sie in einem fremden Körper steckte, um der alten Frau nicht sofort um den Hals zu fallen.

“Guten Tag, ich führe im Auftrag der Universität Hamburg ein Forschungsprojekt über Trauer und Gedenken durch. Hätten Sie einen Moment Zeit?”

“Ach, lieber nicht. Verstehen Sie das bitte nicht falsch, aber man muss ja heutzutage vorsichtig sein. Bei meiner Nachbarin war neulich ein falscher Klempner und hat ihr alles Mögliche geklaut. Nicht böse sein, ja? Schönen Tag noch.” Hannelore nickte ihr noch aufmunternd zu, dann schloss sie langsam die Tür.

Mist, Mist, Mist. Irgendwie musste sie die alte Frau doch davon überzeugen können, sich mit ihr zu unterhalten. Die Tür war schon fast zu, als Julika eine Idee hatte.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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