Der Kelch 26

Mist, Mist, Mist. Irgendwie musste sie die alte Frau doch davon überzeugen können, sich mit ihr zu unterhalten. Die Tür war schon fast zu, als Julika einfach drauflos redete:

“Sie haben recht. Die Umfrage ist eigentlich nur ein Vorwand.”

Sie hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Hauptsache, sie behielt die Aufmerksamkeit von Hannelore. Ah! Der Vorname stand nicht auf dem Klingelschild.

“Hannelore”, sagte sie betont langsam.

Die Tür öffnete sich wieder. Was nun? Sollte Julika behaupten, sie sei eine Ahnenforscherin? Aber warum hatte sie das dann nicht gleich gesagt? Hannelore schien so gar nicht naiv zu sein, aber das hatte sie eigentlich auch schon gewusst.

“Woher wissen Sie meinen Vornamen?”, fragte Hannelore durch die halb geöffnete Tür. “Wer sind Sie?”

“Es tut mir leid”, antwortete Julika. “Ich bin Greta Haffner, eine Freundin von Sascha.” Dann fügte sie hinzu: “Ich war es. Eine Geliebte. Er hat Ihnen nichts von mir erzählt, oder?”

Hannelore war offensichtlich verwirrt. Oder misstrauisch. Oder beides.

Julika fuhr fort: “Ich habe das alles irgendwie noch nicht verarbeitet. Und ich hatte das Gefühl, dass Sie und Sascha sich nahe standen. Nicht nur, weil sie so einen guten Frankfurter Kranz machen.”

Julika seufzte.

“Okay, das habe ich nur gesagt, um zu zeigen, dass ich die Wahrheit sage. Ich suche einfach nur irgendwie nach einem Abschluss für mich.”

Zumindest das war die Wahrheit.

Hannelore schien weiterhin unschlüssig. Julika zog Gretas Personalausweis aus dem Portemonnaie und hielt ihn Hannelore hin.
“Nehmen Sie ihn.”
Stattdessen öffnete Hannelore die Tür und ließ sie herein.

 

“Einen zweiten Kaffee?”, fragte Hannelore anscheinend sowohl aus gastgeberischem Pflichtbewusstsein als auch aus ehrlicher Fürsorglichkeit.

Julika hatte sich auf das Sofa an den Kacheltisch gesetzt. Sie riss den Blick von der dunklen Schrankwand, die seltsame Gefühle in ihr auslöste und sagte: “Danke, ja.” Aus reiner Höflichkeit.

“Na, dann erzählen Sie mal, Greta”, sagte Hannelore kurz darauf. Zu dem Kaffee hatte sie noch eine Dose Kekse aufgedeckt.

“Sascha und ich standen uns sehr nahe”, sagte Julika. “Ich hatte allerdings immer das Gefühl, dass irgendwas mit ihm komisch war. Er schien mir fast, als hätte er verschiedene Persönlichkeiten. Oder als fühlte er sich nicht so recht wohl in seiner Haut.”

Julika wusste es nicht, was sie da eigentlich redete, aber es fühlte sich gut an. Also machte sie weiter.

“Ich wusste, dass er eigentlich mit Julika zusammen war. Und das war sowohl für ihn als auch für mich schwierig. Aber irgendwie war es auch gut, dass wir für uns was Eigenes hatten. Und ich hatte das Gefühl, das hat seine Beziehung zu Julika eher gestärkt als dass es ihr geschadet hätte.”

Julika war beeindruckt. Hannelore hörte offen und interessiert zu. Viele andere hätten vermutlich längst mit einer urteilenden Bemerkung dazwischen gegangen oder hätten sonst irgendwie ihre Meinung dazu gezeigt.

“Saschas Tod hat mich dann total aus der Bahn geworfen. Ich hatte erst überlegt, ob ich mit Julika darüber reden sollte, aber dann habe ich erfahren, dass sie andere Probleme hat. Meinen Sie, ich sollte noch mal mit ihr darüber sprechen? Wie geht es ihr überhaupt?”

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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