Der Kelch 27

Hannelore sah betreten zu Boden. “Ich muss gestehen, dass ich mich schon seit einer Weile nicht mehr bei Julika gemeldet habe”, sagte sie. “Nach dem Unfall habe ich einige Male versucht, mich mit ihr über Sascha zu unterhalten, aber sie hat das leider immer abgeblockt.”

Julika schluckte. “Wahrscheinlich war sie selber noch zu geschockt und verwirrt. Hat sie nicht auch ihr Gedächtnis verloren?”

“Ja, natürlich, sie war völlig durch den Wind, das arme Ding. Ich hätte mir nur gewünscht, wir hätten uns in unserer Trauer gegenseitig Kraft geben können. Einfach spüren, dass man nicht alleine ist. Gemeinsam Fotos angucken und das Grab besuchen, solche Dinge. Aber Julika war wie versteinert”, sagte Hannelore.

“Das muss ja auch schrecklich sein, wenn man nicht nur einen Menschen verliert, sondern auch alle Erinnerungen an ihn”, sagte Julika und spürte, wie an Gretas Armen eine Gänsehaut entstand.

“Irgendwann schien es ihr dann etwas besser zu gehen”, fuhr Hannelore fort. “Aber bevor ich sie besuchen konnte, hatte sie einen schweren Nervenzusammenbruch. Sie bildete sich ein, sie sei ein Mann namens Marcel, der im falschen Körper gelandet sei. Ganz schlimm, gibt es jetzt wohl häufiger, dieses Syndrom, das hat auch einen bestimmten Namen, aber was man dagegen tun kann, weiß niemand. Soweit ich weiß, ist sie immer noch in der Psychiatrie…”

Julika nickte bedächtig mit Gretas Kopf. Widersprüchliche Empfindungen durchfuhren sie. Es schmerzte sie, zu hören, dass Marcel, der einzige Mann, den sie sich erinnern konnte, geliebt zu haben, ihretwegen so litt. Andererseits war sie aber auch irgendwie erleichtert, dass ihr alter Körper immer noch existierte.

“Wäre es wohl möglich, dass Sie mir Ihre Fotos von Sascha zeigen?”, fragte Julika. “Es würde mir viel bedeuten.”

“Aber natürlich!”

Wenig später blätterten sie gemeinsam in einem dicken Fotoalbum mit Samteinband. Nachdenklich starrte Julika auf die Seiten und versuchte, irgendeine Verbindung zu dem Mann auf den Bildern herzustellen. Sascha kam ihr vor wie ein Fremder. Auf den meisten Fotos lachte er herzlich, aber um seine Augen glaubte sie einen melancholischen Zug zu erkennen.

Sie blätterte erneut um und ein bestimmtes Foto fing sofort ihren Blick ein: Sascha saß auf einem Barhocker in einer verrauchten Kneipe, um den Hals eine Luftschlange, und schaute verträumt in die Kamera. Und da war es. Eine Erinnerung. Oder ein Teil davon. Diese kleine Spelunke mit dem riesigen Spiegel an der Wand, der stechende Rauch in der Nase, zwei Körper, so eng aneinandergepresst, dass man nicht mehr wusste, wo der eine aufhörte und der andere anfing. Die raschelnden Luftschlangen zwischen ihnen, Lippen, die sich trafen. Und dann hatten sie gemeinsam in den Spiegel geschaut, Wange an Wange.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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