Der Kelch 28

Sie klammerte sich an diesen Erinnerungsfitzel. Es war so, also würde sie versuchen, sich kurz nach dem Aufwachen an einen Traum zu erinnern, der schon fast verblasst war. Sie griff nach dem Gefühl, konzentrierte sich darauf, wartete, wie es langsam stabiler wurde, wuchs, sich ausbreitete, sich mit weiteren Gedankenfetzen verknüpfte. Der perfekte Augenblick. Absolute Harmonie. Das Gefühl, eins zu sein. Mit dem anderen, dem Augenblick, allem. Zu zweit in den Spiegel zu schauen und nicht mehr zu wissen, wer von beiden man war. Sie war gleichzeitig Sascha gewesen und sie selbst. Und beide zusammen. Und das Dazwischen. Und keine von beiden. Sie hatte eine seltene Ruhe und Leichtigkeit gespürt. War es ihr Geburtstag gewesen? Oder Saschas? Vielleicht ihre Verlobungsfeier? Ja, das könnte gut sein. Sie hatten sich verlobt, ohne jemand anderem davon zu erzählen. Die Luftschlange hatte die Bedienung unter dem Tresen gefunden. Er war der einzige gewesen, dem sie ihrer Verlobung erzählt hatten. Oder war es sogar seine Idee gewesen? John. Sie meinte sich daran zu erinnern, dass sein Namen John gewesen war. Ja. John hatte sie gesehen und gefragt, ob sie sich gerade verlobt hätten. Und sie hatten sich beide in die Augen geblickt und Sascha hatte spontan bejaht. Und sie hatte nicht widersprochen. Daraufhin hatte John ihnen und sich selbst einen Jägermeister eingeschenkt und sie hatten darauf angestoßen. Anschließend hatte er die Luftschlange über sie gepustet und dann mit Saschas Handy das Foto gemacht, auf dem sie sich küssten. Und dann hatten sie beiden in diesen riesigen Spiegel geschaut und waren verschmolzen. So hatte es sich angefühlt. Besser konnte sie das Gefühl nicht beschreiben. Für diesen Moment waren alle Grenzen aufgehoben und alles war dasselbe, innen und außen und denken und reden, Sascha und sie.

Und Julika begriff, dass dieser Augenblick der Anfang von allem war. In diesem Augenblick hätte sie mit Sascha den Körper tauschen können. Auch ohne Sex. Sex war dabei gar nicht so wichtig, nur die Nähe zwischen ihnen. Oder die Nähe, die sie dabei spürten, war Sex. Auf einer anderen Ebene. Alles war Sex. Und gleichzeitig spielte es keine Rolle.

“Das war eure Verlobung.”

Bevor Hannelores Satz Julika aus ihren Gedanken riss, wusste sie, dass Sascha seiner Großmutter davon erzählt hatte. Als einzige. Die beiden mussten sich sehr nahe gestanden haben.

“Ich vermisse ihn.”
Julika wusste nicht, was sie sonst sagen sollte.

“Es ist, als fehlt ein Teil von mir. Oder als sei ich ein fehlender Teil von ihm.”

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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