Der Kelch 29

Zum ersten Mal hatte Julika das Bedürfnis, sich jemandem anzuvertrauen. Wie schön und tröstlich wäre es, der alten Frau sagen zu können, dass sie, Julika, neben ihr saß und dass sie nun gemeinsam um Sascha trauern konnten. Sie spürte eine heftige Sehnsucht danach, als die gesehen zu werden, die sie war. Aber sie fühlte auch, dass es nicht der richtige Moment war, um sich zu offenbaren. Hannelore hatte Marcels Beteuerungen, er sei im falschen Körper gelandet, nicht geglaubt – warum sollte sie jetzt Julika glauben? Sie würde nur ein weiteres bedauernswertes Opfer des Body-Swap-Syndroms in ihr sehen.

Mit ein wenig Wehmut in der Stimme sagte Julika, dass sie sich allmählich auf den Weg machen müsste. “Wenn ich darf, komme ich mal wieder…”

An der Haustür legte Hannelore ihre Hände auf Gretas schmale Schultern und drückte sie kräftig.

“Du kannst immer zu mir kommen, hörst du? Du bist nicht alleine. Ich verstehe mehr, als du dir vielleicht vorstellen kannst.”

Kapitel 14

“Was ist das bitte für eine tolle Party”, rief eine beschwipste junge Frau Julika zu. Sie machte ein paar unbeholfene Schritte in ihre Richtung und umarmte sie. “Trinkst du mit mir?”

Julika befreite sich kopfschüttelnd. Es war ihr alles zu viel. Zu viele fremde Menschen, zu viele bemühte Gespräche. Sie hatte sich bisher erfolgreich durch den Abend laviert, ohne, dass irgendjemandem aufgefallen wäre, dass die wahre Gastgeberin dieser Feier gar nicht anwesend war. Tatsächlich fiel es ihr leicht, den Menschen die Antworten zu geben, die sie erwarteten. Es war keine Herausforderung, und deswegen konnte sie es ebensogut auch sein lassen. Sie ließ ihren Blick über die Menschen gleiten, die herumstanden, tranken und Canapés in sich hineinstopften. Niemand der Anwesenden interessierte sie. Niemand hatte ihr etwas Neues zu sagen, das spürte sie. Und meistens lag sie mit ihrer Menschenkenntnis richtig.

Sie trat auf den Balkon. Kai stand am Geländer und sah sich nach ihr um. Wortlos stellte Julika sich neben ihn.

Kai räusperte sich. “Meinst du, Sven und Hanna kommen heute?”

Julika zuckte mit Gretas Schultern.

“Es wäre das erste Mal, dass wir sie wiedersehen, seit…”

Kai ließ den Satz in der Luft hängen, schien zu erwarten, dass sie anbiss, dass sie ihm irgendeine neue Überlegung mitteilte, die vielleicht half, die Frage zu klären, ob Sven und Hanna, wer auch immer das nun wieder sein mochte, sich heute Abend blicken lassen würden, aber sie schwieg.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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