Der Kelch 30

“Ja”, sagte Julika. “Ich weiß.”

Sie sah Kai an, versuchte, ihn zu lesen. Er senkte betreten den Blick. Offensichtlich war irgendwas zwischen Greta, ihm, Sven und Hanna vorgefallen. So wie sie Greta und Kai bisher kennengelernt hatte, hatte sie so eine Ahnung, um welches Thema es dabei gegangen war.

Sie schmiegte sich an ihn und er nahm sie in seine Arme. Das tat gut. Das half gegen die Einsamkeit. Es änderte nichts, aber es half, sowohl ihr als auch Gretas Körper.

“Es tut mir leid”, flüsterte Julika mit Gretas Stimme.

“Du kannst nichts dafür. Du bist halt so, wie du bist”, beruhigte er sie mit sanfter Stimme. Sie versank noch tiefer in der wohltuenden Umarmung des Fremden. Sie fragte sich, ob sie nicht einfach hier bleiben könnte. In Kais Umarmung, in Gretas Körper. Aber sie gehörte nicht hierher. Sie wusste nicht, wo sie hingehörte, ob sie überhaupt irgendwo hingehörte.

Offensichtlich hatte Greta etwas getan. Ob sie mit Sven geschlafen hatte? Eigentlich war das doch hier gar nicht ihr Problem. Aber sie wusste auch nicht, was sie sonst tun sollte.

“Ich weiß nicht, ob ich mir das verzeihen kann”, sagte Julika schließlich mit Gretas Stimme.

Kai schwieg. Dann drückte er ihr sanft einen Kuss auf den Kopf. Schön.

Julika holte Gretas Handy heraus. Zum Glück gab es nur eine Hanna in ihrem Adressbuch. Sie wählte die Nummer. Jemand nahm ab.

“Hallo Greta”, hörte sie eine Frauenstimme am anderen Ende. Sie wirkte leicht verunsichert.

“Ich würde mich wirklich freuen, wenn ihr heute kommt”, sagte Julika mit Gretas Stimme. “Du und Sven. Einfach so. Und Kai freut sich auch.”

Sie sah zu ihm hoch. Er nickte.

“Wir hatten es uns wirklich überlegt”, hörte sie Hannas Stimme. “Und. Ach. Weißt du.” Eine Weile hörte sie nichts. Dann: “Ja. Ich komme. Sven vielleicht auch. Wirst du ja dann sehen. Bis gleich.”

Die Stimmung auf der Party war inzwischen bedeutend ausgelassener. Interessanter wurde sie für Julika dadurch nicht. Höchstens weniger anstrengend. Jetzt müsste sie sich nicht mehr konzentrieren oder bemühen, eine Person darzustellen, die sie weniger kannte als alle hier Anwesenden. Es klingelte an der Tür.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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