Der Kelch 35

“Wir warten hier auf dich.” Hanna drückte noch einmal fester zu, dann ließ sie Gretas Hand los.

Julika schloss die Schlafzimmertür hinter sich. Die Atmosphäre auf der Party hatte sich nicht verändert. Warum auch? Sie war vermutlich nur wenige Minuten weggewesen. Trotzdem kamen ihr die Augenblicke im Schlafzimmer vor wie eine andere Welt. Oder als ob sie jemand anderes gewesen wäre. Hanna ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Als hätte sie sich dort festgesetzt. Sie spürte ein Verlangen nach ihr, das sie so nicht einordnen konnte.

Sie ging in die Küche. Auf dem Weg durch den vollen Flur lächelte sie die ganzen Fremden an, signalisierte aber gleichzeitig, dass sie nur auf der Durchreise war. Einmal musste sie ein paar Worte wechseln und versprechen, dass sie später noch über ‘die Sache mit dem Ausschuss’ sprechen würden. Oh je. Das wird sicher ein Spaß werden. Hoffentlich würde es nicht dazu kommen.

In der Küche kämpfte sie sich weiter in Richtung Kühlschrank vor. Allerdings stand ihr eine Frau im Weg. Als Julika auf sie aufmerksam wurde, hielt sie kurz inne. Hui, dachte sie und checkte kurz den Körper der Fremden ab. Die war genau nach ihrem Geschmack. Welcher Geschmack? Wo kam das her?

Sie ging auf die Frau in dem kurvenreichen, körperbetonten Kleid zu. Ihr Gegenüber bemerkte sie und lächelte sie an. Julika spürte, wie dieses Lächeln durch Gretas gesamten Körper fuhr. Sie lächelte zurück. Anscheinend war das Interesse auf Gegenseitigkeit gestoßen. Sie erreichte die Frau, sah ihr weiter in die Augen und griff an ihr vorbei zur Kühlschranktür. Dabei sog sie Duft der Fremden ein, und wieder durchfuhr es sie wie ein warmer Sommerwind. Sie konnte jetzt sogar fast die Wärme des anderen Körpers spüren. Gretas Herz schlug schneller.

Mit einem Ruck öffnete sie die Kühlschranktür, fischte sich ein Bier heraus und schloss die Tür wieder. Sie war tatsächlich durstig. Gleichzeitig wollte sie auch aus der Situation im Schlafzimmer verschwinden. Kurz durchatmen, sich sammeln. Das war alles so intensiv gewesen.

“Habt ihr da irgendwo den Flaschenöffner?”, fragte Julika und merkte, wie sie unbewusst die körperliche Nähe der Schönen suchte, kurz mit dem Handrücken an ihrem Bein vorbeistrich. Vielleicht nicht ganz unbewusst.

“Hier”, reichte ihr der Gesprächspartner der Kühlschrankwächterin den gewünschten Gegenstand.

“Seit wann trinkst du denn Bier?”, fragte sie Fremde, als Julika einige kühle, herbe Züge aus der Flasche genommen hatte.

Richtig, es war ja davon auszugehen, dass sie sie kannte. Sie war enttäuscht. Sie wunderte sich ein bisschen, wie sehr. Dann war das Lächeln nämlich gar nicht für sie bestimmt, sondern für Julika. Für Greta! Verdammt. Schon wieder. Ich bin Julika. Ich bin Julika.

So konnte es nicht weitergehen. Ich bin Julika. Das ist Gretas Party. Ich bin nicht Greta.

Sie brauchte irgendwie Ruhe, Konzentration, musste sich sammeln. Man sah ihr sicherlich an, wie verwirrt sie war. Bald würde jemand fragen, ob es ihr nicht gut ginge. Ich bin Julika. Ich kenne euch alle nicht. Sie lächelte, ging weiter, lächelte. Dann stellte sie fest, dass ihre Beine, Gretas Beine sie wieder unwillkürlich bis vor die Schlafzimmertür getragen hatten.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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