Der Kelch 38

Sie hörte für einen kurzen Moment auf, Hanna zu küssen, nahm ein bisschen Abstand und staunte sie an. Hannas Augen funkelten. “Du siehst gerade so unglaublich glücklich aus”, flüsterte sie, und Julika nickte. Es hatte eine Zeit in ihrem Leben gegeben, da hätte sie es nicht für möglich gehalten, Augenblicke wie diesen mit einer Frau zu teilen, und jetzt küsste sie zum ersten Mal eine Frau, während sie sich in einem Frauenkörper befand, und spürte, wie sich alle Grenzen auflösten. Ein wenig wunderte sie sich darüber, dass es sie überhaupt noch wunderte. Sie hatte schon vor einiger Zeit gemerkt, dass sie sich anderen Menschen öffnen konnte. Allen anderen Menschen. Wenn sie wollte. Es spielte dann keine Rolle mehr, wer die andere Person war; selbst die Frage, ob es für den anderen Menschen genau so schön war wie für sie, trat in den Hintergrund. Es ging einzig und allein darum, loszulassen und sich selbst zu verlieren und etwas anderes als ihr Alltags-Ich an ihrer Stelle handeln zu lassen. Sie war in diesen Momenten unendlich weit von dem entfernt, was sie normalerweise darstellte, und kam ihrem wahren Ich näher als in irgendeiner anderen Situation.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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