Der Kelch 39

Oder ging es vielleicht sogar noch einen Schritt weiter? Vielleicht war sie dann noch mehr als nur ihr Ich. Oder weniger. Oder beides. Es könnte auch gut sein, dass sie dann einfach nur noch da war. Pure Existenz. Es geschehen lassen. Eins werden mit allem. Die künstliche Grenze zwischen dem Ich und allem anderen verschwinden lassen.

Das klang schon ziemlich esoterisch. Eigentlich gar nicht so ihr Ding. Und sie hatte auch gerade keine Lust, sich weitere Gedanken über das Thema zu machen. Jetzt wollte sie vor allem wieder zurück. Was oder wo auch immer sie gerade gewesen war.

Sie hatte Hanna die ganze Zeit angestrahlt. Es fühlte sich tatsächlich so an, als würde sie Wärme aussenden. Sie konnte die Strahlen beinahe sehen. Und Hanna leuchtete. Es war, als läge ein goldener Perlmuttschimmer auf ihrer Haut. Sie war so wunderschön. Sie griff nach ihrem Gesicht, hielt sich daran fest, presste ihren Mund oder Gretas oder beide auf Hannas und ließ sich wieder fallen, hinabgleiten, davontragen.

Atem. Pochen und Pulsieren. Immer schneller. Da war noch was. Noch eine Hand. Noch ein Körper. Und noch einer. Alles drehte sich, alles verwischte. Sie wurde weiter aufs Bett gespült, wurde sanft in die weiche Matratze gedrückt, versank darin. Spürte. Alles.

Plötzlich riss sie etwas aus dem Fluss hinauf an die Oberfläche. Wie ein eisiger Wind schnitt es über Gretas Körper. Ein Schutzmechanismus. Schutz wovor?

Sie öffnete die Augen. Da war Kai. War es das? Ganz zu Beginn ihrer absurden Reise nach dem Unfall hatte sie mit sich selbst vereinbart, dass sie die fremden Körper keinem Risiko aussetzen wollte. Kondome? War es das? Und dann fiel es ihr ein. Der letzte Körperwechsel beim Sex mit Antons Körper und Greta. Fast hatte sie es vergessen. Was würde wohl alles passieren, wenn sie jetzt hier so weitermachen würden?

“Nein”, hörte sie Gretas Stimme ihren Gedanken aussprechen.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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