Der Kelch 43

Zwei Tage später wusste Julika immer noch nicht, was der Anlass der Party war. Vielleicht gab es keinen. Vielleicht war Greta einfach eine, die anlasslose Partys feierte. Im Kontakt mit Kai hatte sie immer mehr darüber herausgefunden, wie er sich seine Greta vorstellte und hatte ihr Verhalten entsprechend angepasst. Greta war eine, die flotte Sprüche und Witze machte. Greta guckte gerne Reality-TV, um runterzukommen. Greta aß zu wenig, Kai versuchte, sie zu füttern und Greta ging manchmal darauf ein, um ihm eine Freude zu bereiten, aber aß dann danach eine ganze Zeit lang fast gar nichts. Und Greta war insgesamt zuverlässig und selbstbewusst, bis auf seltene Krisensituationen, in denen sie unvorhergesehen handelte. Vielleicht waren das die Momente, in denen sich ihr wahres Wesen Bahn brach. Vielleicht war viel von Gretas Verhalten nur eine Show. Vielleicht hat sie ebenso wie Julika versucht, herauszufinden, wie andere sie gerne hätten und sich entsprechend angepasst. Je länger sie in Gretas Haut steckte, desto interessanter kam sie ihr vor. Wie sagte doch dieses US-Sprichwort: “Don’t judge someone until you have walked a mile in their shoes.” Eine Meile war sie inzwischen sicherlich in Gretas Schuhen gelaufen, und sie hatte sich nicht nur an ihre Schuhe gewöhnt, sondern auch an ihren Körper und ihre Leben soweit.

Kai war ein echter Schatz und ein Glückstreffer für Greta. Er war tatsächlich Bodybuilder und arbeitete außerdem als Personal Trainer für gelangweilte Frauen von reichen Männern, die sich mit ihm die Zeit vertrieben. Dabei hatte er sicherlich oft Gelegenheit, sehr viel more personal zu werden, als es die Professionalität gebot. So wie Julika ihn einschätzte, war er sich darüber zwar bewusst und nutze diesen Umstand, um stets genug Klientinnen zu haben, aber mehr auch nicht. Sicher war sie sich jedoch nicht. Gestern hatte er eine Kundin ein bisschen zu bemüht als Langweilerin bezeichnet. Das hätte ein Anzeichen dafür sein können, dass er etwas zu verbergen hatte, oder er wollte Greta einfach nur beruhigen, weil sie vielleicht eine eifersüchtige Person war oder es irgendeine Vorgeschichte gab, die Julika nicht kannte. Eigentlich hätte es ihr egal sein können, mit wem Kai schlief, aber das war es nicht. Das Gefühl der Verwirrung, das die Ereignisse der letzten Tage in ihr ausgelöst hatte, hatte sich noch immer nicht gelegt. Es war eher noch schlimmer geworden. Immer wieder rutschte ihr aus dem Bewusstsein, was sie eigentlich wollte, wie sie war, wer sie war. Ob sie war. Gestern hatten Kai und sie über die gemeinsame Zukunft geredet und erst nach einer Viertelstunde, war ihr aufgefallen, dass sie ernsthaft in das Gespräch involviert war. Dabei gab es keine gemeinsame Zukunft mit ihr und Kai. Zumindest keine, die über eine Handvoll Tage hinausging. So ging es nicht weiter. Das war alles zu gefährlich und zu anstrengend. Irgendetwas war passiert. Es war, als ob jemand ihr Ich in einen Topf mit vielen anderen geworfen hatte, gut umgerührt hatte und sie jetzt mit einem Löffel davon aß und nie genau wusste, wonach die Persönlichkeitssuppe als nächstes schmecken würde. Sie musste unbedingt herausfinden, was da geschehen war und was sie dagegen tun konnte. Diese Situation würde sie nicht lange ertragen, abgesehen davon, dass es tendenziell sogar immer schlimmer wurde, vielleicht gerade dann, wenn sie sich zu sehr daran gewöhnte.

Bei der Zeitung hatte sie sich eine kurze Auszeit genommen, was für zahlreiche Sprüche gesorgt hatte, denn einige Kollegen wussten von der Party und anscheinend schlug Greta öfter mal über die Stränge. Sie hatte die Zeit tatsächlich auch dazu genutzt, um sich zu erholen, wobei ihr Kai eine große Hilfe war, vor allem aber hatte sie nachgedacht, was sie tun konnte, um sich zu erinnern. Sie hatte kurz überlegt, Marcel in der Psychiatrie zu besuchen. Vielleicht löste der Kontakt mit ihrem Geburtskörper etwas aus, aber irgendwie war ihr die Sache nicht geheuer, und sie verschob die Option auf später. Ein weiterer Besuch bei Hannelore war ihr ebenfalls in den Sinn gekommen, aber auch das war etwas, was sie später noch einmal machen konnte, wenn sie mehr herausgefunden hatte. Die beste Spur, die sie zurzeit hatte, war der Erinnerungsfetzen von der sehr privaten Verlobungsfeier. Sie hatte das Gefühl, wenn sie die Bar finden würde, vielleicht mitsamt dem Kellner John, würden dort noch weitere Erinnerungen hervorblinzeln.

Zumindest war ihr beim weiteren darüber Nachdenken in den Kopf geschossen, dass sich die Bar in Hamburg befand und zwar in Ottensen. Sie hatte schon die gesamte Gastronomie durchkämmt, die sie im Internet gefunden hatte, aber nichts davon hatte gepasst. Deshalb hatte sie beschlossen, sich auf den Weg zu machen und durch die Straßen zu laufen, um zu gucken, was passierte.

Am Bahnhof Altona ging sie durch die belebte Hauptstraße einfach immer weiter, bog hier in eine Seitenstraße ab, links, dann rechts, weiter, noch mal rechts, aber nichts geschah, kein Erinnerungsanflug, kein Klicken in ihrem Kopf. Dort hinten wirkte es zu sehr nach Industriegebiet, also drehte sie sich um und lief in einen Fremden.

Er war nicht sonderlich groß, ziemlich drahtig und wirkte unangenehm nervös.

„Hast du mal Feuer“, fragte er sie und packte sie fest am Arm.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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