Der Kelch 44

Sie zog das Feuerzeug aus Gretas Tasche und hielt es ihm hin. Der Fremde ließ sich Zeit. Julika bemerkte, dass sein Blick etwas zu lange auf Gretas Gesicht ruhte und dann über ihren Körper glitt. Kannte er Greta? Oder war Julika ihm schon einmal begegnet? Sie musterte ihn unauffällig, kam aber zu keinem Ergebnis. Seit sie von Körper zu Körper wechselte, erschien es ihr immer weniger bedeutsam, wie der Körper eines anderen aussah. Sie merkte sich andere Dinge. Worte. Blicke. Die Art, wie jemand zögerte, bevor er eine Frage stellte.

“Danke”, sagte der Mann und gab ihr das Feuerzeug zurück. “Komm mit, ich lad’ dich auf einen Drink ein.”

“Nein, vielen Dank”, sagte Julika. Sie musste gar nicht lange überlegen. Nun wusste sie auch, was sie an dem Fremden wiedererkannt hatte. Er hatte diesen speziellen Blick, den sie schon kannte. Bestimmte Männer schauten sie so an, wenn sie den Körper, den sie gerade bewohnte, ungewöhnlich attraktiv fanden. Julika verstand das nicht. Ein schöner Körper war doch nicht viel mehr als ein hübsches Gefäß, was sich die Menschen gar nicht selber ausgesucht hatten – oder zumindest: die meisten Menschen…

“Ich hatte bis hierhin echt einen beschissenen Tag, und ein Kaffee mit einer schönen Frau ist das Einzige, was mich aufheitern kann”, sagte der Mann und fasste sich theatralisch an die Brust.

Julika seufzte. Mit so jemandem ein Gespräch zu führen, war anstrengend. Es fühlte sich an, als würde er die ganze Zeit jemanden adressieren, der ein Stück neben ihr stand, und dabei übersehen, mit wem er eigentlich sprach.

“Ich hab gerade echt keine Zeit…”, begann sie.

“Tu mir einen Gefallen”, unterbrach sie der Fremde. “Komm einfach mit in meine Bar und setz dich da an den Tresen. Wir müssen uns ja gar nicht weiter unterhalten. Aber da hängt ein großer Spiegel, und in dem will ich dich angucken, während ich alles vorbereite.”

Ein großer Spiegel – Julika horchte auf. Konnte das am Ende die Bar sein, die sie suchte? Sie zwang sich, Gretas Gesichtszüge von der abweisenden Miene, die sie bisher gemacht hatte, in ein schüchternes Lächeln umzusortieren.

“Na gut”, sagte sie. “Aber nur ein Getränk, dann muss ich wirklich los.”

Schweigend liefen sie nebeneinander durch die Straßen. Der Fremde ging leicht vornübergebeugt und hatte die Hände in den Taschen vergraben. Julika fiel wieder auf, dass ihm etwas eigentümlich Gehetztes anhaftete.

Sie betraten die Bar, und noch bevor sie irgendetwas anderes wahrnehmen konnte, sah sie John hinter dem Tresen stehen. Kein Zweifel, das war er. Betont lässig steuerte sie Gretas Körper in seine Richtung.

“Hallo”, sagte sie.

“Da bist du ja wieder”, sagte John. “Julika, nicht wahr? Ich erinnere mich.”

Verwirrt starrte Julika ihn an. Damals, bei der Verlobung, hatte sie doch einen ganz anderen Körper bewohnt. Wieso hatte er sie erkannt?

John erwiderte ihren Blick ohne die geringste Unsicherheit, er schien einfach durch Gretas Körper hindurchzusehen wie durch eine dürftige Tarnung. Zum ersten Mal seit dem Beginn ihrer Reise war Julika jemandem begegnet, dem das Aussehen anderer Leute genauso unwichtig war wie ihr selbst.

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

 

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