Der Kelch 45

Julika wusste nicht, ob sie John gegenüber so tun sollte, als sei alles ganz normal, als hätten sich seit ihrem letzten Treffen nichts Wesentliches geändert, als sei nicht ihr ganzes Leben aus den Angeln geraten und diese Angeln aus den Fugen und diese wiederum vollständig aus dem Lot. Wenigstens war sie jetzt im Körper einer Frau. Säße sie in einem Körper mit Bart und Penis, hätte das ihr dubioses Spontandate sicherlich verwundert. Allerdings hätte er sie dann vermutlich auch gar nicht erst um Feuer gebeten und abgeschleppt. Ob John sie dann überhaupt erkannt hätte? Hätte sie selbst John erkannt, wenn er im Körper von zum Beispiel Anton stecken würde? Oder in dem von Greta?

Sie hatte sich schon oft gefragt, ob sie die einzige war, die über diese Körpertauschfähigkeiten verfügte, wenn man es nicht als Fluch bezeichnen wollte. Sie vermutete, dass es zumindest nicht sehr viele Menschen waren, denn weder im Internet war darüber etwas zu finden, noch gab es besonders viele mythologische Quellen, die auf ein vergleichbares Phänomen hindeuteten und es hatte nach ihren ersten Wechseln nicht besonders lange gedauert, bis sich der Begriff des Body-Swap-Syndroms etabliert hatte. Die meisten Fälle, von denen sie gehört hatte, konnte sie auf sich zurückführen, aber eben nicht alle. Immer mal wieder hatte sie überlegt, diese anderen Menschen aufzusuchen, um zu überprüfen, ob sie simulierten oder quasi artverwandt waren. Es könnte ja auch sein, dass etwas passiert war, was dafür gesorgt hatte, dass mehrere Menschen gleichzeitig diese Fähigkeit erlangt hatten. Zumindest war es nicht ansteckend. Die Menschen, mit denen sie getauscht hatten, blieben auch in diesen. Und sie selbst konnte nicht zurück in den Körper, aus dem sie kam. Das hatte sie mit Marcel festgestellt und auch später noch ein paar Mal. Sie hatte auch versucht, über einen Umweg zurückzugelangen, also über einen Zwischenwirt. Genau genommen, über zwei, denn bisher hatte sie keinen gleichgeschlechtlichen Sex gehabt. Zumindest keinen gemeinsamen Orgasmus, oder wie auch immer man Sex allgemein definieren wollte, was gar nicht so einfach war. Mit Hanna war es knapp gewesen und mit dieser Kühlschrankfrau auf der Party.

Julika kam es gerade so vor, als hätte sie überhaupt noch nicht genug experimentiert. Warum eigentlich nicht? Trotz allem war sie die ganze Zeit nach dem Unfall eigentlich nur wie eine verwirrte Aufziehmaus durch die Gegend gewuselt. Und jetzt war irgendwas passiert. Als sei sie aus einem Schlaf erwacht, oder als sei sie sich darüber bewusst geworden, dass sie schläft, und jetzt versuchte sie, zu erwachen. Und ausgerechnet jetzt, wo sie mehr herausfinden wollte, hatte sie zu viel Sorge, dass wieder etwas schieflaufen könnte beim Wechsel zu einem weiteren Wirt. Wirth. Das war doch Antons Nachname gewesen.

“Was willst du denn trinken? Jägermeister?”, riss der Wirt John sie aus ihren Gedanken.

Julika wurde das gerade alles zu viel. Jägermeister, Bier, Kaffee, Körper, Geist, Julika, John, Anton, Greta, Marcel. Ihr Kopf drehte sich und in ihren Ohren begann es zu rauschen. Sie schüttelte den Kopf, nickte, zog die Augenbrauen hoch und sagte dann: “Ich überlege noch” und setzte sich ohne groß darüber nachzudenken an den Tisch gegenüber von ihrem Begleiter, um durchzuatmen.

“Wieso hat er dich Julika genannt?”, fragte dieser. “Mir wurde gesagt, du heißt Christiane.”

(Neu hier? Den aktuellen Stand der Geschichte findet ihr hier.)

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